Argumentationsanalyse der Akzeptanz- und Gerechtigkeitsvorstellungen

Ausgangspunkt des Teilvorhabens

Die weit in die Zukunft vorausgreifenden energiepolitischen Ziele der Bundesregierung umschreiben ein gesellschaftliches und generationenübergreifendes Großprojekt, das gemeinhin als „Energiewende“ bezeichnet wird. Zu dessen Umsetzung werden nicht nur dem Energiesektor hohe technologische Innovationsraten abverlangt, sondern auch der Zivilgesellschaft eine umfangreiche Anpassungsbereitschaft. Diese betrifft den Umgang mit den Veränderungen im Bereich der Energieerzeugung, die damit einhergehenden Eingriffe in das Landschaftsbild, das private Konsumverhalten (z.B. im Gebäude-, Geräte- oder Mobilitätsbereich) und insbesondere die Akzeptanz von höheren Energieerzeugungskosten. In diesem Zuge wird die ökokapitalistisch ambitionierte Realisierung des aus der Umweltbewegung erwachsenden Ideals einer nachhaltigen und umweltfreundlichen Energieerzeugung mit der Härte privatwirtschaftlicher Kalküle und der heterogenen Dynamik des Systems individueller Bedürfnisse konfrontiert. In diesem Spannungsfeld haben sich lokal und national ambitionierte Widerstandsbewegungen entwickelt. Mit Rekurs auf unterschiedliche Argumentationstypen wird gegen die erforderlichen Um- und Ausbauten protestiert, wobei vorzugsweise die Installation von Windkraftanlagen und der Ausbau des Hochspannungsnetzes auf Ablehnung stoßen.

Ziele des Teilvorhabens

In diesem Teilvorhaben sollen die wesentlichen Argumente der Debatte rekonstruiert, auf ihre ethischen Voraussetzungen hin analysiert und auf Konzepte prozeduraler Gerechtigkeit sowie übergreifende klima- und umweltethische Begründungen bezogen werden. Darüber hinaus sollen Verbindungen zwischen Akzeptanz und argumentativer Rechtfertigung aufgezeigt werden. Aus den gewonnenen Einsichten sollen Empfehlungen für diskursive Konfliktlösungen abgeleitet werden, die ethischen Standards von Verfahrensgerechtigkeit und Akzeptabilität genügen.

Ein besonderer inhaltlicher Fokus liegt darauf, die Argumente hinsichtlich der in ihnen wirksamen wirtschaftlichen und politischen Interessen sowie hinsichtlich der aus der Umsetzung dieser Interessen resultierenden sozialen Ungleichgewichte und ökologischen Nachteile zu untersuchen. Zwar hat die sozialpolitische Debatte um die mit der EEG-Umlage in Verbindung gebrachte „Energiearmut“ eine umfassendere gesellschaftliche Perspektive auf die Energiewende eröffnet, in der neben der sozialpolitisch relevanten Frage nach einer „gerechten Lastenverteilung“ auch die Frage nach den grundlegenden Zielen im „Gemeinschaftsvorhaben Energiewende“ in den Blick der öffentlichen Wahrnehmung geraten sind. Aber außer der meist egalitaristisch geprägten Kritik an der bisherigen Lastenverteilung und daraus vermutlich erwachsenen und politisch instrumentalisierbaren sozialen Schieflagen wurden weder die Plastizität der technischen Realisierung noch die Vielfalt der Bedürfnisse aller involvierten Akteure ausreichend expliziert. Es gilt daher zu verstehen, warum die involvierten Akteure jeweils bestimmte „Lösungskomplexe“ aus Infrastruktur und Finanzierungsmodell präferieren und welche der vorgebrachten technologischen, ökonomischen, sozialpolitischen und umweltethischen Argumente die angestrebten Ausbaupfade rechtfertigen.

Vor diesem Hintergrund ist es aus philosophischer Perspektive als notwendig zu erachten, neben der systematischen Analyse der wissenschaftlichen und (!) öffentlichen Diskurse die Bedürfnisse (Versorgungsmenge, -dauer und -form, Arbeitsplatzsicherheit, Nachhaltigkeit, Naturschutz etc.) zu charakterisieren, die die Interessen im Gemeinschaftsprojekt Energiewende wesentlich beeinflussen. Denn von den diskutierten Lösungskomplexen aus Infrastruktur und Finanzierungsmodell können nur diejenigen ernsthaft in Betracht kommen, die möglichst die wesentlichen Bedürfnisse langfristig und ausreichend befriedigen können.

Ansprechpartner zu diesem Teilvorhaben ist Dr. Florian Braun.